Künstliche Intelligenz
Mit einem eigenen Design-System bleibt deine Arbeit erkennbar.
Immer öfter sehe ich Präsentationen und Software-Prototypen, die sich kaum noch voneinander unterscheiden. Inhaltlich sind sie teils gut, optisch sehen sie aber alle gleich aus. In diesem Beitrag zeige ich, worin ich die Ursache sehe, was ich dagegen mache und weshalb dasselbe Prinzip auch für die Sprache gilt.
Alessandro Nef · 2. November 2026 · 3 Min.
Warum plötzlich alles gleich aussieht
Ich erlebe es immer häufiger: Eine Präsentation wird geöffnet, ein Prototyp gezeigt, und ich habe das Gefühl, beides schon einmal gesehen zu haben. Die Prototypen sind vielleicht sogar gut, jedoch sehen sie alle gleich aus. Der Grund liegt auf der Hand. Sie wurden mit KI erstellt und die KI-Modelle greifen auf dieselben Design-Systeme zurück. Ein Design-System ist die Sammlung aller gestalterischen Entscheide: Farben, Schriften, Abstände und die Bausteine einer Oberfläche, die Komponenten. Wer dem Modell nichts vorgibt, erhält zwangsläufig das, was alle anderen auch erhalten.
Das passiert mir selbst. Auch meine eigenen Ergebnisse sehen teilweise so aus, und ich muss mich dann wieder korrigieren. Wenn ich genauer hinschaue, sehe ich sofort, dass Claude oder ChatGPT der Hersteller ist und nicht ich. Oft verrät es schon das Design. Ist das Design unauffällig, so sehe ich es beim Inhalt: allgemeine Aussagen, die nach allem klingen und nach nichts. Hier gilt die alte Regel «Garbage in, garbage out». Schwacher Input vom Menschen an die KI führt zu schwachem Output von der KI.
Mein eigenes Design-System
Für diese Website habe ich deshalb selbst ein Design-System definiert. Farben, Schriften, Abstände und Komponenten sind festgelegt und in Claude gespeichert. Wenn ich mit KI baue, arbeitet sie mit meinen Vorgaben und fällt nicht auf ein Standardmuster zurück. Dasselbe habe ich auch bei meiner App Pulse gemacht. Das braucht am Anfang Zeit und Entscheidungen, die ich selbst treffen muss: Welche Farben gefallen mir, welche Schrift trägt meine Texte, wie viel Luft lasse ich zwischen den Elementen? Dafür entsteht etwas, das ich als mein Eigenes erkenne, und das ist der Punkt. Ein eigenes Design-System zahlt sich aus, wenn du weiterhin visuelle Unikate schaffen willst und keine Variante der Vorlage, die gerade alle bekommen.
Ich will damit keine Technik kleinreden. Die Werkzeuge sind stark und ich nutze sie täglich. Gerade weil sie so viel leisten, ist es meine Aufgabe, ihnen eine klare Richtung zu geben. Der Mensch bleibt in der Schleife und entscheidet, wie das Ergebnis aussehen soll.
Dasselbe gilt für die Sprache
Design-Systeme gibt es auch für Text. Wenn du einem Agenten deine eigene Sprache mitgeben kannst, schreibt er in eigenen Ausdrücken und fällt nicht auf ein generisches Deutsch zurück. Bei mir heisst dieser Agent Spica. Sie arbeitet mit einem Stilprofil, das ich aus eigenen Texten aufgebaut habe: wie ich Sätze baue, welche Wörter ich bevorzuge, wie ich begründe und wie ich danke. Die Texte, die ich selbst geschrieben habe, sind das Trainingsmaterial.
- Eigene TexteBriefe, Mails, Berichte, Reisebericht, Blog
- StilprofilWortwahl, Satzbau, was ich nicht schreibe
- Entwurf von Spicaschreibt im Stil des Profils
- Danach weiter zu Schritt 2.Meine Korrekturich ändere, was nicht nach mir klingt
Jede Korrektur wird nach meiner Bestätigung zur Regel
Jede Korrektur wird nach meiner Bestätigung zur Regel
Das beste Beispiel kennen wir alle. Es gibt Merkmale, an denen du KI-Texte oft sofort erkennst. Das eine sind viele Gedankenstriche. Das andere ist das deutsche Eszett, das scharfe S. In der Schweiz schreiben wir statt des Eszett immer «ss», und wer es trotzdem in einem Schweizer Text findet, schöpft schnell Verdacht. Beide Merkmale lassen immer wieder Rückschlüsse auf eine KI zu. Darum steht in meinem Stilprofil ausdrücklich, dass es beides nur selten oder gar nicht geben darf. Ich habe diesen Beitrag deshalb mit Absicht sauber gehalten. Wenn du ihn nochmals überfliegst, findest du keinen Gedankenstrich und kein Eszett. Auch dieser Beitrag ist so entstanden: Spica hat den ersten Entwurf geschrieben, ich habe ihn korrigiert. Spica wurde somit wieder trainiert.
Dank Spica kann ich somit meine unstrukturierten Gedanken schriftlich festhalten und erhalte im Gegenzug einen formulierten Text in meinem Deutsch in entsprechender Struktur.
Meine Haltung
KI ist für mich ein Werkzeug und ein starker Baustein im Alltag. Sie nimmt mir Arbeit ab, aber sie nimmt mir die Verantwortung nicht ab. Deshalb gebe ich ihr mein Design und meine Sprache mit, und deshalb lese ich jedes Ergebnis kritisch, bevor es nach draussen geht. Mein Rat an dich lautet, dasselbe zu tun. Würdige kritisch, was dir eine Maschine liefert, und bleibe kreativ. Gib ihr dein eigenes Material, dann entsteht etwas, das nach dir aussieht und nach dir klingt!